Beschluss der Vollversammlung vom 24. Juni 2021Wirtschaft trifft Klima: Die Rolle des Handwerks für Klimaschutz und Nachhaltigkeit

Mit dem „Zentrum für Umwelt, Energie und Klima“ betreibt die Handwerkskammer Düsseldorf seit nunmehr dreißig Jahren eine Einrichtung, die in zahlreichen Projekten, Kooperationen und Fortbildungsangeboten nach innen und außen wichtige strategische Funktionen für das Handwerk in der Umwelt- und Energiewirtschaft übernimmt. Unter anderem fungiert es als Geschäftsstelle der „Handwerksoffensive Energieeffizienz“ und bündelt als solche die verschiedenen Aktivitäten der nordrhein-westfälischen Handwerksorganisationen. Ausgehend von den fachlichen Zusammenhängen der Umwelt- und Energiewirtschaft regt es in Kooperationen mit Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung handwerks- und mittelstandsorientierte Innovationsprozesse an.

Der politische Kontext dieser Aktivitäten ist derzeit hochdynamisch. Lange Zeit ließ sich „Umweltpolitik“ als isoliertes Politikfeld verstehen, das externe Kosten anderer Politikfelder ein Stück weit zu kompensieren hatte, ohne in deren Logik und Zielsetzungen wirklich einzugreifen. Demgegenüber ist der Anspruch der „Klimapolitik“, wie er heute formuliert wird, ein anderer: Es geht hierbei darum, unterschiedlichste Politikfelder und Wirtschaftsbereiche anhand des Leitgedankens der Nachhaltigkeit zu durchdringen. Dieser Anspruch ist durch die aktuelle Corona-Krise noch einmal größer geworden: Zahlreiche wirtschaftspolitische Förderinstrumente aller politischen Ebenen sind ausdrücklich darauf ausgerichtet, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Vor diesem Hintergrund muss sich auch das Handwerk im Kammerbezirk Düsseldorf mit der Frage auseinandersetzen, welche Erwartungen es an die Klimapolitik formuliert und welche Rolle es selbst durch seine Betriebe und Organisationen in der lokalen Klimapolitik spielen will. Kurz gesagt: Weil das Handwerk mit seiner Unternehmens-, Qualifikations- und Innovationskultur schon immer für Nachhaltigkeit stand und in vielen Gewerken besondere umwelttechnische Kompetenzen vorhält, ist es ein unverzichtbarer Schlüsselakteur für mehr Klimaschutz. Es hat zugleich aus seinem Erfahrungshorizont heraus auch spezifische Erwartungen daran, wie Klimaschutz vernünftig und nachhaltig vorangetrieben kann, ohne wirtschaftliche und soziale Zielsetzungen aus dem Blick zu verlieren.

Nachhaltigkeit als Anspruch und Selbstverständnis des Handwerks

Verantwortung für kommende Generationen zeigen

Nachhaltigkeit bedeutet für das Handwerk, dass ökonomische, ökologische und soziale Ressourcen nur so genutzt werden, dass sie auch zukünftigen Generationen ungeschmälert zur Verfügung stehen.

Nachhaltigkeit als Ganzes denken

Nachhaltigkeit muss aus Sicht des Handwerks politikfeldübergreifend verstanden werden. Als Prinzip umfasst sie nicht nur die Schonung der natürlichen, endlichen Ressourcen, sondern auch die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen und der sozialen Sicherungssysteme.

Verantwortungskultur mit Haftungs- und Subsidiaritätsprinzip

Was einem selbst gehört, behandelt man pfleglicher als Dinge, die allen gehören. Und Folgen des eigenen Handelns, die man direkt zu spüren kommt, beachtet man eher als Folgen, die langfristig und indirekt eintreten oder deren Kosten andere zu tragen haben. Nachhaltigkeit setzt in seinen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Zusammenhängen eine durch Regeln und Institutionen abgesicherte Verantwortungskultur voraus. Dafür stehen das Haftungsprinzip im Wettbewerb und das Subsidiaritätsprinzip in der politischen Ordnung, weil beide dafür sorgen, dass die Verantwortung für Entscheidungen klar zugeordnet werden kann.

Hohe Selbstwirksamkeit und qualifiziertes Qualitätsbewusstsein

Die mittelständische Unternehmensstruktur des Handwerks steht in besonderer Weise für das Nachhaltigkeitsprinzip, denn sie bringt kleine, überschaubare Einheiten hervor, die gegenüber ihren Kunden, Mitarbeitern und Partnern eine besondere Verantwortungskultur entwickeln. Auch das Qualifikationssystem des Handwerks wirkt nachhaltig, weil es Bildung aus der Praxis des Wettbewerbs heraus entwickelt und fortlaufend anpasst. Flache Hierarchien in den Unternehmen, hohe Selbstwirksamkeit und Arbeitszufriedenheit, sparsamer Ressourceneinsatz, soziale Verantwortung, Flexibilität, lokale Verankerung, große Affinität zum Ehrenamt und zum bürgerschaftlichen Engagement sowie verantwortliches Unternehmertum prägen das Handwerk.

Lernende Unternehmens- und Organisationskultur mit pragmatischer Innovationskraft

Handwerk steht auf der Grundlage seiner Unternehmens- und Qualifikationskultur in besonderer Weise für einen dezentralen, pragmatischen und wettbewerblichen Innovationsbegriff, der neue, unvorhersehbare Lösungen für technische und unternehmerische Probleme hervorbringt und im Markt verbreiten kann. Damit leistet das Handwerk einen wirkungsvollen Beitrag zur Lernfähigkeit, zur Anpassungsfähigkeit und zur Robustheit unserer Wirtschafts- und Sozialordnung.

Die Rolle des Handwerks für die Klimapolitik

Für Effizienzgewinne und Treibhausneutralität

Das Handwerk bietet unverzichtbares technisches Knowhow, um Gebäude aller Art ressourcenschonend zu bauen und energieeffizient auszurüsten. Insbesondere für den Ausbau erneuerbarer Energien ist das Handwerk ein erfolgversprechender Partner. Gleiches gilt aber auch für die klimagerechte Erneuerung der öffentlichen Infrastruktur und für Maßnahmen zur Klimafolgenanpassung.

Für emissionsarme Antriebe und Infrastrukturen

Das Handwerk bietet unverzichtbares technisches Knowhow, um innovative Lösungen für emissionsarme Energieerzeugung und Mobilität zu finden, im Markt zu verbreiten und die dazu notwendige Infrastruktur zu errichten.

Für Alternativen zu industrieller Standardisierung

Mit seinen Lebensmittelgewerken steht Handwerk für nachhaltiges Wirtschaften rund um das Thema Ernährung und bietet damit im Sinne der Verbraucherinnen und Verbraucher wertvolle Alternativen zur industriellen Lebensmittelproduktion. Für Hightech-Lösungen und Resilienz im Gesundheitssystem Das Handwerk ist ein starker Partner für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung und leistet einen wichtigen Beitrag zur Patientenversorgung und zur Resilienz des Gesundheitswesens.

Für wohnortnahe Versorgung in nachhaltigen Kommunen

Das Handwerk kann vor Ort sowohl im ländlichen Raum als auch in urbanen Zentren einen wichtigen Beitrag zur wohnortnahen Versorgung der Bevölkerung mit Dienstleistungen und Produkten vielfältigster Art leisten und ist damit ein unverzichtbares Element einer nachhaltigen Siedlungs- und Stadtentwicklung.

Für Verantwortung und Engagement über das eigene Unternehmen hinaus

Das Handwerk steht für regionale und lokale Wertschöpfung und bietet vor Ort Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Durch seine tiefe Verankerung im Markt und seine Vielfalt ermöglicht es wettbewerbliche Innovationsprozesse. Seine Rendite kalkuliert es nicht in Quartalen, sondern in Generationen.

Für partnerschaftliche Zukunftsgestaltung und Bildungsprozesse

Das Handwerk steht vor Ort als strategischer Partner bereit, um in Bündnissen und Partnerschaften nachhaltige Lösungen in Fragen des Gebäudetechnik, der Mobilität, der Ernährung, der Gesundheitswirtschaft oder der Energieerzeugung und -nutzung zu unterstützen und Lern- und Innovationsprozesse zwischen unterschiedlichen Akteuren anzustoßen.

Die Erwartungen des Handwerks an die Klimapolitik

Handwerks- und mittelstandsfreundliche Rahmenbedingungen für die Betriebe

Handwerk kann seinen Beitrag zur Klimapolitik nur dann leisten, wenn es sich generell auf mittelstandsfreundliche Rahmenbedingungen verlassen kann. Dazu gehört, dass dem Handwerk geeignete Gewerbeflächen zur Verfügung stehen, dass die Belange und Potenziale des Handwerks in allen Fragen der Stadtentwicklung berücksichtigt werden und dass Wirtschafts- und Pendlerverkehre für Betriebe und Beschäftigte nicht unnötig behindert werden und in ausgewogenen Mobilitätskonzepten ermöglicht werden.

Konstanz und Konsistenz der Klimapolitik

Analog zur Wirtschaftspolitik bedarf es einer „Konstanz der Klimapolitik“, wenn die ambitionierten Klimaziele erreicht werden sollen. Das bedeutet, dass verlässliche und konsistente Rahmenbedingungen erforderlich sind, um Verhaltensanpassungen und Innovationsprozesse zu ermöglichen. Hektische, bevormundende und widersprüchliche Förderlogiken oder kurzfristig wechselnde Zielsetzungen müssen vermieden werden.

Keine Befreiungstatbestände für Großunternehmen

Kurzfristige, wettbewerbsverzerrende und isolierte Subventionierungen sind kein geeignetes Instrument zur Erreichung klimapolitischer Ziele. Das gilt insbesondere für die EEG-Umlage und die an sie geknüpften Befreiungstatbestände, von denen ausgerechnet energieintensive Unternehmen des Handwerks und des Mittelstandes ausgenommen sind, während Großverbraucher begünstigt werden.

Wirtschaftliche Lenkungswirkung durch einen CO2-Preis für alle

Erfolgversprechend ist zur Erreichung klimapolitischer Ziele allein ein System wahrhaftiger Preise für CO2 – am besten durch einen Emissionshandel auf europäischer Ebene. Preise sind besser als Verbote und Grenzwerte, weil sie Anreize zu Verhaltensänderungen geben, aber die Wahlfreiheiten und die Kreativität der Akteure nicht einschränken. Ein solches Preissystem dient klimapolitischen Zielen auch besser als die Versuche der Politik, bestimmte technologische Entscheidungen (z. B. zu Antriebsarten für Mobilität) vorzugeben und damit die möglichen Innovationspfade einzuschränken. Es muss zugleich so angelegt sein, dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit der produzierenden Wirtschaft nicht gefährdet wird und dass keine Fehlanreize gegen die Herstellung langlebiger, ressourcenschonender Güter entstehen. 

Vermeidung teurer technologischer Sackgassen

Aus Sicht des Handwerks ist es zum Erreichen klimapolitischer Zielsetzungen notwendig, auf dezentrale und innovationsoffene Lösungen zur Erzeugung und Nutzung von Energie zu setzen. Leitungsgebundene Lösungen wie die Fernwärme haben große Nachteile hinsichtlich der Energieeffizienz und führen bei hohen Investitionskosten für die Infrastruktur in technologische Sackgassen – so das Ergebnis einer aktuellen Studie zur Energieeffizienz im Gebäudesektor des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu), des Fraunhofer IEE und von Consentec im Auftrag der AGORA Energiewende. Technologische Innovationen gelingen am ehesten in wettbewerblichen und offenen Marktprozessen. Sie dürfen nicht durch Klientelpolitik zugunsten bestimmter Akteursgruppen oder Technologien behindert oder abgelenkt werden.

Kooperativer Angang bei Quartierssanierung und Infrastrukturentwicklung

Klimapolitische Ziele lassen sich am besten erreichen, wenn in Kooperation mit dem Handwerk nachhaltige Impulse für ganzheitlich ausgerichtete Sanierungsmaßnahmen gesetzt werden. Um Eigentümer bei der Entwicklung und Sanierung von Quartieren gezielt anzusprechen und zu motivieren, sind die enge Zusammenarbeit mit dem Handwerk, die Entwicklung individueller Lösungsstrategien und die Stärkung der regionalen Wertschöpfung erforderlich. Hierzu kann auch die Vergabepraxis der öffentlichen Hand einen Beitrag leisten. Dies gilt auch für alle Ansätze, die auf vorausschauende Maßnahmen zur Klimafolgenanpassung abzielen.

Mehr Forschung und Innovationsimpulse mit Handwerks- und Mittelstandsorientierung

Die Entwicklung industrieller Standards ist für technologische Lösungen und Schnittstellen der Klimapolitik unverzichtbar. Allerdings greift die Förderung rein industrieller Standardlösungen zu kurz und wird auf Probleme bei der Marktdurchdringung stoßen. Forschungs- und Innovationsförderung muss daher im Blick haben, dass dezentrales Wissen über Technologien und Marktumstände, wie es beim Handwerk zu finden ist, systematisch in die Klimaforschung einbezogen ist. Nur dann lässt sich eine hohe Umsetzungsrelevanz von Forschungsergebnissen gewährleisten. Das Handwerk steht als Partner für praxisorientierte Forschungskooperationen bereit. Ein besonderes Augenmerk muss dabei auf Fragen der Qualifizierung gerichtet werden.

Wir-Gefühl und Aufbruchsstimmung stärken statt kleinteilig einschränken

Auch in den Handwerksbetrieben selbst gibt es viele Ansatzpunkte für klimafördernde Maßnahmen, insbesondere hinsichtlich der betrieblichen Mobilität, des Ressourceneinsatzes und der Energieeffizienz. Wichtig ist dabei, dass kleinteilige Satzungen und Anschlusszwänge vermieden werden und unternehmerische Eigeninitiative nicht behindert wird. Den kleinen und mittleren Betrieben dürfen keine neuen Belastungen durch Vorgaben gesetzt werden, die sich an den Gegebenheiten großindustrieller Arbeitswelten orientieren. Zielführend sind lokale Partnerschaften und Bündnisse, die sich ambitionierte Ziele setzen und Modernisierungsstrategien in unternehmerisches Handeln einbetten und dadurch auch ökonomisch und beschäftigungspolitisch vernünftig werden lassen.